Der Himmel ist grau und wolkenverhangen, das Grün am Rand des Flugfelds tief und satt. Flugzeuge des kolumbianischen Militärs und der Airline Avianca kommen langsam in mein Blickfeld und verschwinden dann wieder. Zum ersten Mal bin ich in Kolumbien, zum ersten Mal bin ich in Südamerika. Noch vor fünf Jahren hätte ich gedacht, dass das Reisen hierher nicht möglich oder zumindest sehr gefährlich ist, heute scheint es mir, als wäre es kein Problem – wenigstens auf den ersten Blick. Die bunte kolumbianische Fahne, das Grün und die Trucks – endlich wieder in den Tropen, so fühlt sich ein neues Abenteuer an.

Das Flugzeug, das mich von Paris aus hier her gebracht hat, rollt langsam die letzten paar Meter. Meine polnische Sitznachbarin, die seit einigen Jahren in Bogotá lebt, hilft mir mit dem Einwanderungsformular, ohne sie wäre ich völlig hilflos. Sie gibt mir noch ein paar Ratschläge für das Verhalten abends und nachts in dem Viertel, in dem sich mein erstes Hotel befindet und für die Altstadt La Candelaria. Es sind eher Warnungen als Ratschläge und ich spüre das Bauchkribbeln, das sich immer dann einstellt, wenn ich mich in einer unberechenbaren und vielleicht gefährlichen Situation befinde, wenn ich daran denke, dass ich Bogotás Flughafen El Dorado gleich ohne ein Wort Spanisch zu sprechen verlassen werde.

Ankunft am Flughafen von Bogotá

Nachdem ich eingereist bin – was ziemlich unkompliziert ging – hole ich erst einmal ein paar Tausend kolumbianische Pesos vom Geldautomaten in der Eingangshalle und suche die Stelle, an der die autorisierten Taxis abfahren. Denn ja, ich habe gelesen, dass man unter keinen Umständen ein anderes Taxi nehmen soll, die Gefahr, ausgeraubt zu werden, sei einfach zu groß. Der Transmilenio wäre noch eine Alternative, das ist ein Bus, der ähnlich einer Straßenbahn nur an bestimmten, abgeschlossenen Stationen hält. Doch ich möchte nicht, bin müde und habe keine Lust, das System verstehen zu müssen. Die Taxifahrt ist auch nicht so teuer, sie wird etwa zehn Euro kosten bis hinein ins Zentrum von Bogotá.

Ich verlasse das Flughafengebäude, angenehm warme feuchte Luft kommt mir entgegen, der Himmel ist immer noch grau, in einigen Kilometern Entfernung ist die Skyline der kolumbianischen Hauptstadt vor den über 3.000 Meter hohen Bergen der zentralen Kordilleren, einem Nebengebirge der Anden, auszumachen. Die Baumgrenze liegt hier weit oben, sehr viel höher als bei uns in Europa. Deshalb sind die Berge selbst auf über 3.000 Metern Höhe noch dicht mit grünen Bäumen bewachsen.

Das kleine Taxi schlängelt sich durch die dicht fahrenden Wagen auf einem riesigen Highway dem Zentrum entgegen, lateinamerikanische Musik und Hupen überall um mich herum. Suramericana lese ich an einem Gebäude, hier bin ich also, am anderen Ende der Welt, alleine und voller Lust, neue Eindrücke in mich aufzusaugen. Die Hochhäuser kommen näher und eine halbe Stunde, nachdem ich am Flughafen das Taxi bestiegen habe, betrete ich durch eine Glastür mein Hotel, wo ich ein Zimmer im zwölften, dem obersten Stockwerk beziehe, durch dessen geöffnetes Fenster ich den Lärm der Straße tief unten höre und die Gerüche einer tropischen Großstadt atme. Der Monserrate liegt direkt vor mir, der Hausberg von Bogotá.

Mit dem Taxi nach Candelaria

Es dämmert bereits, ich muss mich beeilen, wenn ich noch in die Altstadt von Bogotá, nach La Candelaria will. Nach Einbruch der Dunkelheit wird es dort zu gefährlich sein. Vor einigen Jahren noch soll La Candelaria sogar eine der sogenannten No-Go-Areas gewesen sein, ein Stadtteil also, dessen Sicherheitslage so prekär ist, dass ein Besuch nicht empfehlenswert ist. Und in der Gegend um mein Hotel herum im Stadtteil Santa Fé solle ich auch noch heutzutage sogar tagsüber vorsichtig sein.

Da ich diese Art Information zunächst eher skeptisch betrachte, ziehe ich trotz der Warnungen einen Spaziergang in das Luftlinie nur knapp zwei Kilometer entfernte La Candelaria in Betracht. Ich frage also den Portier, ob er mir davon abraten würde. Und leider ja, er sagt, dass das keine gute Idee sei und bestellt mir ein Taxi. Scheinbar hat mein Reiseführer Recht, wenn er erzählt, dass es in Bogotá nicht komisch sei, auch für die kürzesten Entfernungen ein authorisiertes Taxi zu nehmen.

Taxifahren funktioniert hier so: Per App oder per Telefon bestellt man sich ein Taxi. Bei der Bestellung erhält man ein Passwort und das Kennzeichen des Taxis, das kommen wird. Trifft der Wagen dann ein, muss mit dem/der Fahrer*in das Passwort überprüft werden und das Kennzeichen muss stimmen. Andernfalls soll man nicht einsteigen.

Wenigstens meint der Portier, ich könne mich heute etwas länger als bis zum Einbruch der Dunkelheit in La Candelaria aufhalten, es ist ein Festtag und an einem solchen befänden sich viele Menschen auf den Straßen und es sei sicherer. Ein paar Minuten darauf trifft das Taxi ein, Passwort-Check, Nummernschild stimmt, auf geht’s endlich in meine erste südamerikanische Stadt.

Nacht in Bogotá

Schwarz, das ist die Farbe, die hier von den jungen Menschen getragen wird. Schwarz sind die Haare, schwarz ist die Kleidung. Langsam fährt das Taxi nach Süden, vor den Restaurants und den Straßenküchen stehen viele Menschen. Alle sehen fröhlich aus, die Stimmung scheint gut zu sein. Ich frage mich, wer es ist, der mich später in der Nacht überfallen will. Wir überqueren zwei, drei größere Straßen, dann hält der Fahrer. Minutenlang versucht er mir irgendwas zu erklären, irgendwann gibt er es auf. Sein letzter Satz ist in Englisch, er sagt, ich solle am besten schnell Spanisch lernen. Und dann entlässt er mich auf die Straße mitten in La Candelaria, dessen hübsche alte Häuser den steilen Hang hinaufklettern.

Inzwischen ist es dunkel, an jeder Ecke stehen einige bewaffnete Polizisten. Hinunter zur Plaza de Bolívar, dann ein Stück nach rechts. Ich spaziere hin und her, kaufe mir in einem Supermarkt einen Saft und mein erstes kolumbianisches Bier – Club Colombia, es schmeckt in Ordnung. Zwischen den flachen alten Häusern wirkt Bogotá wie eine kleine Stadt. Von den knapp 7.000.000 Einwohner*innen ist hier nichts zu bemerken. Erst, als ich in den Gassen etwas weiter nach oben steige, reicht die Sicht über ein Lichtermeer, das sich bis zum Horizont erstreckt.

Eine Stunde später fällt mir ein, dass ich keine Möglichkeit habe, ein Taxi zu rufen. Ich soll keines anhalten, mein Telefon habe ich nicht dabei. Schließlich gehe ich in das kleine Restaurant La Tarteria in der Carrera 4, Nummer 12-34, wo ich die beiden hinter der Theke frage, ob sie mir ein Taxi rufen könnten. Zehn Minuten später steige ich ein und fahre zurück ins Hotel.

Entlang der Carrera 7 nach La Candelaria

Die Sonne steht hoch am nächsten Morgen. Es wird pünktlich hell in den Tropen. Aus meinem Panoramafenster im 12. Stock sehe ich den kleinen Parque La Indepencia und beschließe, dort einen Spaziergang zu machen. Zwischen Palmen hindurch sind die Hochhäuser des Stadtteils zu sehen, hoch oben auf dem Monserrate ist die Basílica Santuario del Señor de Monserrate zu sehen – direkt über mir.

Park in Bogotá

Es ist angenehm warm in Bogotá. Hier ist jeden Tag Herbst. Das ganze Jahr, für immer und ewig. Kommt die Sonne raus, wird es auch mal kurz heiß. Meistens ist es leicht bewölkt. Nachmittags regnet es oft kurz, nachts ist es kühl. Das Klima ist schlichtweg perfekt. In den Bäumen singen einige Vögel, ich beschließe, jetzt zu Fuß nach La Candelaria zu gehen.

Entlang der Carrera 7 wandere ich Richtung Süden. Es ist viel los auf der Straße. Fahrradfahrer*innen, die Polizei hat die Straße für sie abgesperrt, an jeder Ecke steht sie – schwer bewaffnet. Die Stadt wirkt düster, das ist es, was ich mag. Tagsüber ist es hier kein Problem, herumzulaufen. Ein paar Straßenecken weiter kann das schnell ganz anders sein. Die Menschen, die hier leben, wissen genau, durch welche der Straßen sie sicher gehen können und durch welche nicht. Für mich ist es der erste Tag, ich weiß es nicht. Deshalb halte ich mich an die großen, belebten Straßen, werde aber mutiger und mutiger.

Straße in Bogotá

Ein Stück weiter spielt eine Band mitten auf der Straße. Laute Rockmusik, viele bleiben stehen. Ein paar Punks von der Straße beginnen zu tanzen. Roh und düster kommt es mir vor. Auch ich bleibe stehen und höre eine Weile zu.

Nachmittag in La Candelaria

Nach einer weiteren halben Stunde erreiche ich La Candelaria, die rechtwinklig verlaufenden Gassen sind bunt und lebendig. Viele Bars, Restaurants und Cafés fallen mir auf. Ich spaziere hoch und runter, gehe zur Universität, freue mich über die Aussicht und die tropischen Gewächse im Garten hinter der Universität.

La Candelaria in Bogotá

La Candelaria in Bogotá

La Candelaria in Bogotá

Auf dem Monserrate

Auch wenn ich mich vom Abklappern von Sehenswürdigkeiten im Allgemeinen nicht besonders bereichert fühle, gibt es doch eine Sache, die ich bei einem Besuch von Bogotá unbedingt empfehlen möchte: Eine Fahrt auf den Monserrate, den Berg direkt östlich des Stadtzentrums von Bogotá. Der Gipfel des Berges liegt auf mehr als 3.100 Metern über dem Meeresspiegel, der daneben liegende Gipfel des Guadalupe sogar nochmal knapp 200 Meter höher. Bogotá selbst liegt zwar immerhin auch schon auf mehr als 2.600 Metern Höhe, doch von den 500 Metern oberhalb der Stadt aus hat man einen atemberaubenden Blick über die Stadt und die Berge auf der anderen Seite.

Hier oben ist es kühl. Jeder Meter, jede Treppenstufe ist wegen des niedrigen Luftdrucks deutlich anstrengender als in Bogotá. Und selbst dort habe ich die Höhe bemerkt. Daran, dass ich schnell außer Atem geriet, daran, dass jede kleine Anstrengung leichte Kopfschmerzen erzeugt hat. Nach einigen Wochen gewöhnt man sich an die Höhe. Jetzt weht mir der Wind kleine Regentröpfchen ins Gesicht, während ich mich über den eindrucksvollen Ausblick freue.

Die Relativität der Wahrnehmung

Später werde ich daran denken. An das Klima hier, an das Leben. Später, als mir S. an der Karibikküste im kleinen Städtchen Palomino davon erzählt, wie er für ein Informatikstudium in die kolumbianische Hauptstadt gezogen ist. Wie er sich einfach nicht an das kalte Klima und das herbstliche Wetter gewöhnen konnte und lieber wieder in seine tropisch-heiße Heimat zurück wollte, wo er seine Kunst machen und seine Familie um sich herum haben konnte. Das wird er mir erzählen, als wir gerade aus dem Wasser eines Flusses steigen, in dem wir geschwommen sind. Und während ich schwitze, fröstelt es ihn und ich werde denken, wie schön es ist, dass wir Menschen die Dinge so unterschiedlich wahrnehmen können.

Beeindruckend finde ich übrigens, dass auf der anderen Seite der ersten Bergkette, also hinter dem Monserrate, die riesige Stadt einfach zu Ende ist. Keine Vororte, keine Villen, kein Garnichts. Direkt nur noch das Grün des Waldes und die Straße in Richtung des Dschungels in der Tiefe des Amazonasbeckens. Leider kein Teil meiner Reise, aber anscheinend hat man in wenigen Stunden mit dem Auto von Bogotá aus das riesige Urwaldgebiet erreicht. Was ich hier sehe ist einfach, dass die Stadt an den steilen Hängen des Monserrates ein jähes Ende findet und danach nur noch Wald kommt.

So leicht wie ein Kolibri

Auf dem Gipfel des Monserrate befinden sich eine Kirche, die ein bekannter christlicher Wallfahrtsort ist, jede Menge Restaurants und Souvenierläden. Überall herum stehen haufenweise Polizisten, ich frage mich, wie gefährlich es hier ohne sie wäre. Der Fußweg auf den Monserrate ist derzeit verbarrikadiert. Erdrutsche haben den Weg hier herauf in einen nicht mehr begehbaren Zustand versetzt. Auch zuvor musste man vorsichtig sein: Überfälle im Verlauf des Weges waren häufig und so war es vielleicht ohnehin die bessere Wahl, entweder die Seilbahn oder die Zahnradbahn auf den Gipfel des Monserrate zu nehmen. Beides ist nicht teuer und auch die Wartezeiten halten sich in Grenzen.

Ich selbst bin jetzt zum zweitenmal auf dem Monserrate und habe einmal die Seilbahn und einmal die Zahnradbahn genommen. Gewartet habe ich jedes Mal nur etwa fünf Minuten, bei der Abfahrt und bei großem Andrang kann es aber schon auch mal deutlich länger gehen. Beide Bahnen kosten hin und zurück umgerechnet etwa sechs Euro.

Und während ich auf den schön angelegten Wegen hier oben herumlaufe, die frische Luft und die Aussicht genieße, sehe ich auf einmal vor einer Gruppe von marschierenden Polizisten einen kleinen kolibriähnlichen Vogel, der vorsichtig an den Blüten irgendwelcher Blumen herumknabbert.

Monserrate in Bogotá

Monserrate in Bogotá

Monserrate in Bogotá

Plaza de Bolívar in Bogotá

Abend an der Plaza de Bolívar

Vielleicht habe ich schon lange genug in Berlin gelebt, um mich schnell in vielen Städten der Welt zu Hause zu fühlen. Städte funktionieren überall ähnlich. Als ich abends über die Plaza de Bolívar gehe, denke ich, dass ich doch eigentlich gegen meine Natur lebe und mich nach einem einsamen ruhigen Ort sehne. Aber wer weiß, vermutlich wäre das nach kürzester Zeit auch wieder langweilig. Ich werde noch viel darüber nachdenken, wenn ich später mit S. spreche, der sich nach der Unruhe des riesigen Bogotá glücklich schätzt, als Künstler wieder an der kolumbianischen Karibikküste zu leben.

Und während das Licht gelb wird und der Wind kühler, schaue ich der Kapelle der Stadtpolizei zu, die auf den Treppen des Platzes ein kleines Konzert mit Tanz gibt und Stadtpläne verteilt. Bald geht es weiter. Weiter in Richtung Norden, zur Sierra Nevada de Santa Marta, wo Santa Marta, der Tayrona-Nationalpark und Palomino auf mich warten.

Ein paar Erfahrungen aus Bogotá

Auf der Suche nach alternativen Orten und veganem Essen in La Candelaria stoße ich auf das kleine Restaurant Nativo Arte Natural. Es liegt in der Carrera 2, Nummer 12-52 und bietet preiswerte und sehr gute Speisen und Getränke an. Die Atmosphäre ist sehr freundlich und ans Restaurant angeschlossen befindet sich außerdem ein kleiner Laden, in dem ökologisches Kunsthandwerk und ein paar Lebensmittel gekauft werden können. Auf jeden Fall einer meiner liebsten Orte in Bogotá. Hier liegt das Nativo Arte Natural.

Außerdem gefällt mir der vegetarische Burger in der La Hamburgueseria Candelaria in der Calle 11, Nummer 2-78 gut, ungefähr hier.

Ein paar Meter von dort aus, weiter den Hang hinunter, befindet sich die De Una Travel Bar, wo es tolle Drinks und sehr gute kleine Mahlzeiten gibt, das Publikum ist allerdings sehr backpackerlastig.

Empfehlen kann ich das Hotel MS Oceania, das wie oben beschrieben ein kleines Stück entfernt von La Candelaria liegt. Die Aussicht von den oberen Stockwerken aus ist super, der Blick geht direkt auf den Monserrate. Das beste ist, dass die Panoramafenster so groß sind, dass man sogar vom Bett aus über die Stadt und die Berge sehen kann. Allerdings muss man ein wenig auf den Stil des Hotels stehen, um es zu mögen, es wirkt schon etwas nüchtern-urban.

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Im oberen Bereich von La Candelaria dagegen befindet sich mein klarer Favorit, das Hotel Muisca. Es hat eine Dachterrasse, sehr gemütliche Zimmer, einen ruhigen Innenhof mit Wasserfall zum Frühstücken und viele kleine angenehme Details. Ich liebe es, nachts auf dem Dach zu sitzen und über die flimmernden Lichter Bogotás zu schauen und dabei ein Bier zu trinken.

Link: Hotel Muisca in Bogotá (Affiliate-Link[?])

Essen, trinken und schlafen in Bogotá

Literaturempfehlungen zu Kolumbien

Die beiden Kolumbien-Reiseführer The Rough Guide to Colombia und Colombia von Footprint-Handbooks (Affiliate-Links[?]) haben sich zur Vorbereitung der Reise bewährt und sich gut ergänzt. Auch diverse Blogs lese ich gerne zur Vorbereitung einer Reise – zu Kolumbien lässt sich inzwischen einiges finden, so auch meine eigenen Artikel der Kategorie Kolumbien.

Literatur aus Kolumbien: Das Buch Am Anfang war das Meer von Tomás González (Affiliate-Link[?]) fängt auf wunderbare Weise die Stimmnung der kolumbianischen Karibikküste ein und ist darüber hinaus ein lesenswertes Stück Belletristik.

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