Rubik ist eine kleine Stadt in Albanien. Knapp 5.000 Menschen wohnen hier in der Berglandschaft mit dem Namen Mirdita. Durch Rubik fließt der Fluss Fan. An den Ufern stehen verlassene Industrieanlagen und hoch oben auf einem Fels steht aus religiöser Sicht eines der interessantesten Gebäude von ganz Albanien: Die Christi-Himmelfahrt-Kirche. Die Gegend ist arm, die Produktion in den Fabriken eingestellt. Die Eisenbahnstrecke, die einmal durch das Fan-Tal führte und an der auch Rubik lag, ist seit dem Ende der 90er-Jahre nicht mehr da. Mit diesen Informationen ausgestattet erwarte ich einen trostlosen Ort mit abweisender Atmosphäre. Doch zeigt sich mir bei meiner Ankunft in Rubik ein ganz anderes Bild.

Der Fluss Fan bei Rubik

Ankunft in Rubik

Seit ich die Grenze von Montenegro nach Albanien mit meinem alten Auto überquert habe, denke ich, Albanien ist super. Ich begeistere mich für alte Industrieanlagen. Ich mag Landschaften, wo keine anderen Tourist*innen unterwegs sind, ich habe gerne meine Ruhe. Die Berge von Albanien sind dafür optimal. Und seit ich hier das Tal des Fan immer weiter nach oben fahre, umweht mich der Wind des Abenteuers. An der Straße stehen Ruinen der Industrie des Kommunismus. Verlassen, aufgegeben, vor sich hin modernd. Der Fluss schlängelt sich wild durch das weite Tal.

Mein Ziel liegt etwas hinter Rubik in den Bergen: Ein Öko-Hotel habe ich mir herausgesucht. Das Hotel Marub (Affiliate-Link – was bedeutet das?) befindet sich in einsamer Lage etwa zwei Kilometer östlich von Rubik, die Straße Rruga Katund i Vjeter hinauf. Es ist einfach zu finden, liegt abgeschieden und ruhig und ist ein wirklich schöner Platz. Im Restaurant feiert ausgelassen eine Hochzeitsgesellschaft. Ich werde eingeladen, Raki zu trinken und mitzutanzen. Doch heute lehne ich ab. Lieber möchte ich nochmal hinunter nach Rubik gehen. Solange es noch hell ist. Ich möchte ein wenig die Straßen und Kneipen erforschen.

Das Zentrum

Da Rubik nicht besonders riesig ist, kann man die zentrale Straße in etwa zehn Minuten Spaziergang besichtigen. Wie überall in Albanien wird auch hier der Xhiro praktiziert. Wer es noch nicht in einem meiner anderen Artikel über Albanien gelesen hat, sei an dieser Stelle nochmal darüber informiert: Der Xhiro ist der abendliche Spaziergang, den eigentlich alle machen. Etwa um 19 Uhr treffen sich die Menschen draußen auf der Straße und gehen einfach hin und her durch ihre Stadt. Ein wie ich finde sehr schöner Brauch.

Es gibt in Rubik einige eher traditionelle Bars, in denen vor allem Männer sitzen und Karten spielen. Aber auch ein oder zwei etwas sagen wir modernere Bars. Ich setze mich auf die Terrasse einer davon und beobachte das Leben auf Rubiks Straße. Das Bier schmeckt gut – Elbar wächst mir übrigens in Albanien am meisten ans Herz. Hier in Rubik ist es auch erstaunlich günstig. Umgerechnet etwa einen Euro zahlt man für ein großes Bier hier an der Straße im Zentrum.

Auf den Straßen von Rubik

Als ich mir zwei Tage später im Laden des örtlichen Mobilfunkanbieters eine neue SIM-Karte kaufe, wird zum Übersetzen eine Frau aus einem benachbarten Laden herbeigeholt. Lange unterhalte ich mich mit ihr. Sie erzählt mir von der schlechten wirtschaftlichen Situation der ganzen Gegend um Rubik und von der Armut. Sie erzählt mir von der schwierigen Lage der Menschen und vom Verein Albania-Austria Partnerschaft, der hier in Rubik in den letzten Jahren doch einiges verbessert hat. Von diesem Verein habe ich auch schon im Hotel gehört.

Geschichte

Rubik war bis vor nicht allzu langer Zeit keine besonders große Siedlung. Zwar steht die Kirche auf dem Fels schon seit mehr als 700 Jahren an dieser Stelle. Eine richtige kleine Stadt wurde aber erst zur Zeit des Kommunismus am Ufer des Fan erbaut. Der Grund dafür war, dass sich in der Gegend von Rubik Vorkommen von Kupfer befinden. So kam man auf die Idee, in Rubik Fabriken zu konstruieren, die das wertvolle Metall schmelzen sollten. So sollte die Industrialisierung Albaniens vorangetrieben werden. Seit dem Ende des Kommunismus ist auch die Produktion eingestellt. So gut wie alle Arbeitsplätze fielen weg und die alte Kupferfabrik auf der östlichen Seite des Fans zerbröckelt langsam.

Die Kirche liegt weit oben über der Stadt. Auf dem Hof der Kirche stehen zwei Männer und blicken über das weite Tal. Sie wundern sich offensichtlich etwas, als ich am späten Nachmittag dort vorbeikomme. Der Ausblick von hier oben ist wirklich toll. Und dann habe ich noch eine Erscheinung. Vor dem Licht der sinkenden Sonne erschient mir ein himmlisches Schaf.

Die Kirche von Rubik

Aussicht über Rubik

Rubik heute

Wie mir die Frau im Mobilfunkladen ausführlich erzählt, ist die infrastrukturelle Lage von Rubik alles andere als gut. Die Ausbildungssituation und die medizinische Versorgung ist schlecht bis nicht vorhanden. Es gibt keine Arbeit und keine soziale Sicherung. Wer kann, geht fort aus der Gegend. Viele leben vom Geld ihrer Angehörigen, die Arbeit im Ausland gefunden haben.

Mitte der 90er-Jahre wurde von der Österreicherin Marianne Graf und ihrem Mann der Verein Albania-Austria Partnerschaft gegründet. Der Verein setzt hier in der Region zahlreiche soziale Projekte um. Marianne Graf kam auf die Idee, den Verein zu gründen, nachdem sie selbst die Region um Rubik bereist hatte. Das Spektrum der Unterstützung ist breit. Der Verein engagiert sich unter anderem für medizinische Versorgung, Schulen, Kinder- und Frauenrechte, Kleinbauern und Ökologie. Doch auch Kulturprojekte gehören dazu und religiöser Austausch und Brückenbau. Der Verein hat einen äußerst guten Ruf. Wer darüber noch mehr erfahren will, findet das auf der Webseite des Vereins: albania-austria.com

Auch die Polizisten scheinen sich eher über mich zu wundern, als mich verdächtig zu finden, wenn ich zum etwa siebten Mal tief in die vergitterten Fenster der Postfiliale schaue. Während sie auf ihrem Polizei-Xhiro durch die Stadt gehen. Und es ist auch ehrlich nicht mein Vorhaben, etwas aus der winzigen Post zu entwenden. Ich kann mir einfach die Öffnungszeiten nicht merken und schaue deshalb immer wieder nach. Schließlich muss ich hier morgen früh noch ein Paket mit einem Schlüssel versenden. Ein Paket, das nach Kroatien gehen soll. Aber das ist eine andere Geschichte.

Das Tal mit Rubik

Verlassene Industrie in Rubik

Das Ortsschild von Rubik

Die Umgebung von Rubik

Folgt man der Straße E851 weiter nach Nordosten, erreicht man nach gut einer Stunde Kukës. Die Fahrt ist toll, sie führt durch wilde, karge Berglandschaft. Teilweise ist sie zur autobahnartigen Schnellstraße ausgebaut, Verkehr gibt es wenig. Kukës liegt oberhalb eines Stausees. Die Aussicht auf die Berge und die Umgebung ist von der Stadt aus schön. In einer Bäckerei werden mir zwei Brötchen geschenkt, weil ich kein Kleingeld mehr habe. Ich freue mich. Eine Gruppe von Jungen spricht mich an, wir reden ein bisschen englisch und dann mache ich mich langsam wieder auf den Rückweg nach Rubik.

Nur noch weitere 20 Kilometer liegen übrigens zwischen Kukës und der Grenze zu Kosovo. Doch das wird leider kein Teil dieser Reise sein.

Stattdessen befindet sich aber noch einer der interessantesten Punkte meiner einmonatigen Reise in der Nähe von Rubik, nämlich das Gefängnis Spaç. Dort wurden unter der diktatorischen Herrschaft von Enver Hoxha politische Gefangene zur Arbeit in den Minen und auch den Fabriken von Rubik gezwungen. Das Gefängnis Spaç liegt etwa eine Stunde Fahrt nördlich von Rubik. Achtung: Mit einem „normalen“ Auto ist der Ort nur beschwerlich zu erreichen. Denn sobald man die Schnellstraße bei Reps verlässt, geht es auf einem unbefestigten Weg in abenteuerlichen Serpentinen steil hinauf in die Berge.

Übernachten in Rubik

Oben habe ich es ja schon angesprochen, mir gefällt das Öko-Hotel Marub (Affiliate-Link – was bedeutet das?) in einem Tal bei Rubik sehr gut. Zum Hotel gehört ein Restaurant, das tolles Essen zubereitet. Vegetarische Wünsche werden dabei berücksichtigt. Auch das Frühstück ist gut. Besonders schön finde ich, dass ich dabei auf der Terrasse vor dem Hotel sitzen kann. Direkt oberhalb des Bachs, der durch das Tal fließt. Und als mein Auto mal wieder kaputt geht, hilft mir der Leiter des Hotels persönlich und fährt mit mir nach Rubik. Zusammen unterhalten wir uns mit dem Chef der Werkstatt Auto Servis Petrit Paloka, der sogar etwas deutsch kann. Während mein Auto repariert wird, sitzen wir zusammen im Büro der Werkstatt, trinken Kaffee und reden. So wird aus dem kaputten Auto noch ein richtig netter Vormittag.

Interessantes zu Albanien

Wie schon in mehreren anderen Artikeln von mir erwähnt, war ich mit dem folgenden Reiseführer zufrieden und kann ihn deshalb weiterempfehlen: Albanien vom Trescher Verlag (Affiliate-Link – was bedeutet das?).

Wenn man etwas über die albanische Kultur erfahren möchte, ist ein Roman von Ismail Kadare vielleicht das Richtige. Der Roman Chronik in Stein (Affiliate-Link – was bedeutet das?) erzählt zum Beispiel stimmungsvoll von der Situation in Gjirokastra während der Besatzung im zweiten Weltkrieg. Auch andere Bücher von Ismail Kadare spielen in Albanien und beschäftigen sich mit der Geschichte und den Eigenheiten des Landes.

Zu Fuß durch die Täler um Rubik

Berge um Rubik

One thought

  1. Die Stadt vermittelt auf den Bildern irgendwie eine ganz einzigartige Atmosphäre, nicht unbedingt schön nach vielerlei üblichen Kriterien, aber mit einem ganz eigenen Charme. Gefällt mir gut, danke für die Eindrücke 🙂

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