Meine kurzen und langen Geschichten

Auf unterwegs-reiseblog.de stelle ich nicht nur meine Reisen und mehr oder weniger empfehlenswerte (Reise-)Literatur vor, sondern auch das, was ich mir abends bei einem Glas Rotwein ausdenke. Immer wieder werden hier kleine Geschichten, Kurzgeschichten und Ausschnitte aus längeren Geschichten erscheinen.

Nachricht Null

Nachricht Null ist die Geschichte von Samuel Finsterthal. Er hat ein wildes Leben als Widerstandskämpfer hinter sich und macht einen letzten Versuch, etwas zu verändern, während er in einer abgelegenen Berghütte auf seinen Tod wartet.

Direkt zu den einzelnen Teilen von Nachricht Null:
Prolog
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4

April 2047

Lauf! Der Schrei hallt zwischen den Plattenbauten aus dem vorigen Jahrhundert wider. Lauf… Verdammt! Lauf, lauf, lauf… Doch ich renne schon beim ersten Rufen sofort los. Ich schlittere um eine Ecke des Gebäudes, werfe die beiden Päckchen Neuroloox hinter einen Haufen aus ein paar stinkenden Säcken Müll. Scheiße… da vorne sind noch zwei Cops. Ich sehe in einiger Entfernung Kasim und Hilde rennen. Wieder ruft Eris von den Dächern: Lauf! Samuel… Das Echo seiner Stimme vibriert am rauen Beton entlang. Verdammt, ich laufe ja schon. In Windeseile, so schnell, wie ich nur kann. Ich laufe, als wäre der Teufel hinter mir her. Wenn sie mich kriegen, bin ich dran. In der letzten Zeit hat man keine Gnade mehr gezeigt. Ein Stein knallt hinter mir auf den Asphalt. Das sollte die Cops zum Zögern bringen. Eris stehen uns mehrere Stapel von Steinen auf dem Dach zur Verfügung. Wir haben sie an den sinnvollsten Stellen platziert. Ein Schuss zerreißt die Frühlingsluft. Scheiße, damit habe ich nicht gerechnet. Die Cops scheinen richtig verärgert zu sein. Wieder wirft Eris einen Stein vom Hochhausdach. Er erzielt die beabsichtigte Wirkung. Die Cops suchen Deckung. Das ist meine Chance. Mein Puls hämmert durch meinen heißen Körper. Ich höre Rufen… Stehenbleiben! Sofort! Noch ein Schuss. Die Kugel schlägt irgendwo rechts vor mir in die Hauswand. Panik klettert in meiner Brust herauf. Ich spüre sie klar und deutlich kommen. Ich kenne sie. Ich kenne sie so gut. Sie zielen wirklich auf mich. Meine Beine werden schwach. Wieder fällt ein Stein vom Himmel… ich muss die Tür erreichen. Ich erreiche sie, springe zehn Stufen auf einmal in die Tiefe, reiße eine zweite Tür hinter mir zu. Sie fällt donnernd ins Schloss. Das wird sie einige Sekunden aufhalten. Tausendmal haben wir unsere Fluchtwege geplant. Ich kenne jeden Zentimeter. Und das ist meine einzige Chance.

Nun packt der Schwindel mich mit unerwarteter Wucht. Ich gehe zu Boden. Konzentriere mich auf meinen Atem. Wenn ich zusammenbreche, werden sie mich kriegen. Das darf nicht passieren. Ich stütze mich an der kalten Wand ab. Das Licht an der Decke flackert. Wieder ein Schuss draußen. Vermutlich feuern sie nun auf Eris. Ich taste mich an der Wand entlang. Finde schließlich den Schacht. Mir ist übel, meine Beine gehorchen mir nicht. Ich ziehe mich trotzdem in das Loch. In diesem Moment höre ich, wie sie die Tür hinter mir aufsprengen. Scheiße, scheiße, scheiße… ich robbe durch den Schacht. Versuche, dabei kein Geräusch zu machen. Dann – endlich – fühle ich den Durchgang in der Decke. Ich ziehe mich nach oben, weiß, dass die Cops einige Minuten mehr als ich durch den Schacht brauchen werden. Kampfmontur, mangelnde Kenntnis, breiter gebaut, ich bin schmal und wendig… Ich krieche die letzten Meter, bevor der Gang in einem schäbigen Hausflur endet. Meine Angst lässt langsam nach als ich die Treppen hinunter gehe, die Kraft kehrt in meine Beine zurück. Genug Zeit für mich, im Treiben auf der breiten Einkaufsstraße zu verschwinden. Wir haben unsere Fluchtwege geschickt gewählt. Ich werde ruhiger und ruhiger. Ich bin gut in dem, was ich mache. Nicht nur mein Absatz stimmt, auch bin ich unauffällig und zeige die nötige Umsicht. Darf ich mich vorstellen? Ich bin Samuel Finsterthal, wenn du ein wenig Neuroloox haben willst, wende dich vertrauensvoll an mich. Ich bin diskret, verfüge über ein effizientes Netzwerk und weiß, wie man eine Horde wütender Cops los wird. Ich klopfe den Staub von meinem Hemd, mische mich unter die Leute. Ich betrachte die Produkte in den Auslagen, verfolge die Screens an den Häusern. Da ist Prym. Der Krieg ist seit vorletztem Jahr zu Ende. Wir sind nicht mehr nur als Konsumenten die Untertanen der Konzerne, sondern auch als Bürger. Der Konflikt wurde abgewickelt, die Truppen von GoldeneLiga haben für Ruhe gesorgt, alle anderen Heere wurden ihr unterstellt. Und niemand widersetzt sich den Fightern von GoldenerStahl. Nach dem Krieg waren die Aufgaben dann nach offiziellen Angaben auch vergleichsweise überschaubar: Kampf gegen den Widerstand, Kampf gegen Unruhen im Gebiet der Neutralen Zone, Kampf gegen die Triaden aus den Resten von China und vor allem Abwehr der Seuche. Doch was ist das? Eine neue Entwicklung scheint im Gange zu sein. Ich bleibe stehen. Prym schüttelt GoldeneLiga-Hände. Prym lächelt in die Kamera. Der Ticker am unteren Screen-Rand erzählt mir eine Geschichte. Prym ist der neue Vorstandsvorsitzende von PersiJoy. Und endlich verstehe ich. Die Zeit steht still, ich lasse mich von der Menge treiben. Hierhin, dorthin. Meine Kapuze hängt tief in mein Gesicht. Auf den Screens sehe ich widerliche Politik. Das Böse ist durchsetzungsfähiger als das Gute, denn das Böse kennt keine Skrupel. Es zögert nicht. So einfach ist Politik, so einfach ist das Leben. Das Leben ist Politik. Das Leben ist Politik vom ersten Griff des Tages nach dem frisch gemahlenen Kaffee bis zum letzten Griff des Tages nach dem erlösenden Schnaps. Mit jeder einfachen Handbewegung, mit jedem Akt des Konsums macht man Politik, es gibt keine Entschuldigung, es gibt kein Entrinnen.

Prym ist jetzt Vorstandsvorsitzender von PersiJoy, dem mächtigsten Konzern des ehemaligen Europas. Endlich verstehe ich, was über die Jahre eigentlich schon zu verstehen gewesen sein sollte. Das also haben sie ihm angeboten dafür, dass er widerstandslos die letzte Chance der Demokratie verkauft hat. Dass er den Krieg beendet hat. Dass er den Weg frei gemacht hat für die GoldeneLiga. Prym – der Mann, der das Volk, der uns hinter sich hatte. Natürlich mussten sie ihn für ihr Vorhaben gewinnen. Wie hat man sich gefreut, als endlich Frieden herrschte, wie hat man gejubelt, als die Schreckensbilder aus dem Osten endlosen Werbeclips Platz machten. Ein neues Zeitalter hat beginnen sollen, ohne Leichen und ohne Staub. Jubelnd haben wir die Freiheit weggeworfen, für einen hochauflösenden Screen und Ruhe vor den Chinesen. Ist ja auch egal, wer einen beherrscht, solange man nichts zu befürchten hat. Solange Prym sein OK gibt, wird schon alles in Ordnung sein. Hier in den Städten sind wir ja sicher. Die Seuche ist draußen, wir haben genug zu essen und müssen nicht viel nachdenken, denn wir können uns ja ablenken, dafür haben uns die Konzerne ein abwechslungsreiches Programm erstellt, das wir täglich zuhause nach der Arbeit auf unserer wirklich sehr vorzeigbaren Couch genießen und dabei entspannen können. Eine glückliche Bürgerin strahlt mir aus einem Screen entgegen, lockt mich in eine Mall voller Verheißungen. Passanten rempeln mich an. Die Sonne scheint, es ist warm. Es ist Frühling. Ich fühle mich unwirklich. Doch was soll das schon heißen. Zeit, nach den Anderen zu suchen. Schließlich haben wir heute noch etwas vor. Schließlich wollen wir heute Nacht noch in die Außenbezirke. Zu den alten Hafenanlagen der Raffinerie. GoldenerStahl hat die Gegend vor ein paar Monaten aufgegeben und sich auf die östlichen Hügel zurückgezogen. Doch die Zufahrtsstraßen sind noch nicht verbarrikadiert, wer die Wege kennt, kann sich unbemerkt an den Checkpoints vorbeibewegen.

Ich ziehe mir die Kapuze vom Kopf, nehme ein bisschen Neuroloox. Dann gehe ich in die Baracke. Die Anderen sind schon da. Eris springt auf, als er mich sieht, fällt mir um den Hals. Hilde und Kasim kreischen. Ich bin der Held des Tages. Junge, Samuel, das war ganz schön knapp heute… Eris küsst mich. Küsst mich auf die Stirn, küsst mich auf die Wange, er küsst mich auf den Mund. Ich spüre seine Zunge an den Lippen… Wo warst du so lange? Er reicht mir eine Zigarette. Ich nehme sie, zünde sie an. Kasim legt mir seine Hand auf die Schulter. Wir müssen in der nächsten Zeit etwas vorsichtiger sein. Doch je höher der Einsatz, desto höher der Preis. Je höher der Preis, desto höher der Gewinn. Hilde schaut in ihren pScreen und unterbricht unsere Wiedersehensfreude: Jungs, wisst ihr schon das Neuste… die Konzerne haben sich zusammengeschlossen und treten von heute an als ZON-Konglomerat auf. Die Ernennung Pryms zum Vorstandsvorsitzenden von PersiJoy war nicht alles heute, er ist auch gleichzeitig zum VICE des ZON-Konglomerats berufen worden. Madame Orange, eine der einflussreichsten Vertreterinnen von GoldeneLiga, ist die neue Präsidentin des ZON-Konglomerats.

Ich ziehe an meiner Zigarette. Ich schaue die anderen an. Denke, Prym ist also das demokratische Gewissen der Neoaristokraten, das Alibi, mit dem sie uns bei Laune halten. Viel mehr denke ich für den Moment nicht mehr, das Neuroloox beginnt mit seiner wohltuenden Arbeit in meinen Synapsen.

Drei Stunden später. Ich sitze auf der Ladefläche des Pick-Ups. Etwas nüchterner. Ich rauche schon wieder. Es ist finstere Nacht. Wir haben den letzten Checkpoint hinter uns gelassen. Ich bin beruhigt. Hätte man uns gefasst, wäre unser nächtliches Abenteuer beim Teufel gewesen. Mit der Menge an Drogen und Waffen, die wir bei uns haben, hätten wir die nächsten Wochen in Gewahrsam verbracht. Vor uns taucht die schwarze Silhouette der Raffinerie aus der Nacht heraus auf. Ich drücke die Zigarette auf dem Boden der Ladefläche aus, fasse nach meiner Waffe. Jetzt kann es jeden Moment so weit sein.

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