Meine kurzen und langen Geschichten

Auf unterwegs-reiseblog.de stelle ich nicht nur meine Reisen und mehr oder weniger empfehlenswerte (Reise-)Literatur vor, sondern auch das, was ich mir abends bei einem Glas Rotwein ausdenke. Immer wieder werden hier kleine Geschichten, Kurzgeschichten und Ausschnitte aus längeren Geschichten erscheinen.

Nachricht Null

Nachricht Null ist die Geschichte von Samuel Finsterthal. Er hat ein wildes Leben als Widerstandskämpfer hinter sich und macht einen letzten Versuch, etwas zu verändern, während er in einer abgelegenen Berghütte auf seinen Tod wartet.

Direkt zu den einzelnen Teilen von Nachricht Null:
Prolog
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4

Dezember 2043

Der dunkle Panzerwagen fährt mit quietschenden Reifen auf den Vorplatz des Headquarters in Berlin. Es sieht aus wie in einem verdammten Agentenmovie. Aufgeregt hetzen die Scheibenwischer hin und her. Hin und her. Unermüdlich. Aussichtslos. Aus den beiden begleitenden Fahrzeugen springen jeweils zwei Männer im Anzug. Einer öffnet die Tür des Panzerwagens. Prym steigt aus und eilt an den Wachen entlang zum Eingang des kahlen Betonklotzes. Regen prasselt auf den Asphalt. Auf den Aktenkoffer, den er sich über den Kopf hält. Sturm rüttelt an den Linden entlang der Straße. Seriös schließen sich die Türen hinter den Eintretenden. Einige Minuten darauf sitzt Prym mit den Nationalministern, der Führung von UNIp und zwei Vertreterinnen von Die GoldeneLiga an einem langen Tisch. Er nimmt sein Namensschildchen zwischen die Finger, dreht es herum, sodass er seinen Namen lesen kann. Jacek Prym steht darauf. Und in der Zeile darunter, in kleinerer Schrift: EU-Präsidentschaft. Er fährt mit seinem Fingernagel in die Rille der Schrift. Es fühlt sich rau an. Seine Schultern beben. Er schaut durch die verglaste Front ins Wetter Berlins hinaus. Die Regentropfen schlagen gegen die Fenster, laufen in breiten Rinnsalen die glatte Oberfläche hinunter. Hier drin ist davon nichts zu hören.

Stunden der Verhandlungen später verlassen die Nationalminister die Konferenzhalle. Prym gibt sich keinen Illusionen mehr hin. Ihm ist klar, was jetzt passieren wird. Es ist längst beschlossene Sache. Eine der Vertreterinnen von Die GoldeneLiga steht auf, geht um den Tisch herum und stellt sich direkt hinter Prym. Die Militärs von UNIp sehen ausdruckslos auf ihre NoteScreens. „Jacek, wir kennen uns nun schon einige Jahre. Du hast die EU zu einer stolzen und durchsetzungsfähigen Nation werden lassen. Und die Allianz mit den Staaten Südamerikas wäre ohne dich in ihrer schlagkräftigen und effizienten Art und Weise nicht möglich gewesen. Ausdauernd habt ihr euch der Bedrohung durch den Osten gestellt und es gelänge euch vermutlich auch noch weitere zig Jahre lang, den Angriffen standzuhalten. Wenn es euch nicht sogar eines Tages gelänge, den Krieg gänzlich für euch zu entscheiden.“ Sie tritt etwas näher an Prym heran, legt ihm die Hände auf die Schultern. Die Militärs halten ihren Atem an, es ist mucksmäuschenstill in der Konferenzhalle. Der Regen prasselt immer noch lautlos gegen die Glasfassade. „Doch so wird es nicht weitergehen“, fährt die Vertreterin von Die GoldeneLiga fort. „Du erhältst die einmalige Gelegenheit, Geschichte zu schreiben.“ Was die andere Option ist, sagt sie nicht. Muss sie nicht sagen. Sie nimmt die Hände von Pryms Schultern, geht zur Fassade und schaut hinaus. Die Sekunden verstreichen zäh. „So wird es nicht weitergehen“, sagt sie. Was sie nicht sagt, ist: Wir verkaufen unsere Produkte nicht mehr. Krieg hindert unser Geschäft. Wir machen nicht mehr genug Profit. Sie muss es nicht sagen. Denn sie hat die Macht.

Rund tausend Kilometer weiter östlich drückt sich Morjeba flach gegen die letzte Wand einer Ruine. Ob sie Teil eines Wohnhauses war oder irgendeine stinkende Industriebaracke, bevor eine fürchterliche Detonation ihre aufeinander gemauerten Steine auseinanderriss, kann er nicht unterscheiden. Wichtig ist im Moment nur, dass sie nicht durchsichtig ist. Ihn nicht den Blicken und den Cams der Chinesen aussetzt. Man hat seiner Einheit in den letzten Tagen stark zugesetzt. Morjeba vermutet, dass von den anfangs 40 Bots auf gegnerischer Seite noch mindestens 25 übrig sind. Seine Einheit hat keinen einzigen Bot mehr. Und von seinen bei Schlachtbeginn zwei Dutzend Leuten sind auch nur noch zwölf übrig. Er zerrt eine SuggD17- Granate aus seinem Rucksack. Schleudert sie nach Gefühl. Einen kurzen Moment darauf erzittert die Wand, an der er lehnt. Ein mechanisches Summen breitet sich wie eine Glocke über die Umgebung und er springt hinter der Wand hervor und sprintet auf die gegnerische Stellung zu. Blitzschnell lokalisiert er drei Bots und fünf Chinesen. Sie haben seinen Angriff offenbar nicht kommen sehen. Dem ersten rammt er sein geriffeltes Messer in den unteren Bauch, während er seine Handfeuerwaffe zweimal auslöst. Noch zwei. Einer von den beiden wirft sich hinter die Reste eines Automobils, der andere reißt seine Waffe hoch, zielt, kommt nicht mehr zum Schießen. Morjeba ist schneller, duckt sich in die hohle Gasse zwischen zwei Gebäuden. Bleibt noch einer. Eine Frau. Morjeba hat einen winzigen Moment lang ihr Gesicht gesehen. In diesem Moment wieder eine Detonation, die Mauer kippt in Richtung Morjebas Position, er rollt sich zur Seite. Da ist die Frau schon über ihm, heftige Hiebe prasseln auf sein Gesicht herunter, die Schmerzen sind fast unerträglich, ihm wird schwarz vor Augen. Ihm bleibt nicht mehr viel Zeit. Im Geiste hat er die Augenblicke rückwärts gezählt. SuggD17 setzt die Bots nicht mehr lange außer Gefecht, wenn sie erwachen, ist er tot. Wenn die Frau noch ein paar weitere Hiebe landet, ist er auch tot. Seine Erfahrung kann die Wucht ganz genau einschätzen. In diesem Moment schließt er mit seinem Leben ab. Tausendmal hat er sich das vorgestellt. Merkwürdigerweise fühlt es sich genau so an, wie er es sich vorgestellt hat. Fühlt es sich so an, weil er es sich so vorgestellt hat? Die Angst weicht einer unanständigen Ruhe. Er wartet auf den nächsten Schlag, seine Arme werden weich. In diesem Moment erwachen die Bots, er hört das elektrische Fiepen.

Der Himmel wird rot. Der staubige Boden um ihn herum verschwimmt. Das Gesicht der Frau löst sich auf. Die Sonne dahinter taucht auf, blendet ihn. Die Sonne scheint durch den Kopf, schwebt er nun der Ewigkeit entgegen?

Er spürt Übelkeit in sich aufsteigen und Rauch um ihn herum. Der leblose Körper der chinesischen Frau sinkt neben ihm in den Staub. Aus den Adern ihres Halses spritzt pulsierendes Blut auf seinen Oberkörper, rinnt dann in den Staub. Irgendwo links vor ihm stehen die qualmenden Überbleibsel eines Bots, der gerade dabei war, auf ihn zu zielen. Drohnen, Herrgott nochmal. Leise ziehen sie ihre Furche durch die Luft. Er kann sie kaum erahnen. Vor Tagen hatten sie vom Headquarter in Berlin Drohnen angefordert. Offenbar waren sie im allerletzten Moment genehmigt worden und hier erschienen. Er weiß, dass im Headquarter Berechnungen der folgenden Art gemacht werden: Drohnen sind teuer. Je nach Funktion, Ausstattung, Alter haben sie ihren Preis. Diesen Preis muss UNIp bezahlen. Für jede Drohne gibt es ein gewisses Risiko, dass sie verloren geht. Das heißt, abgeschossen, umprogrammiert – was schlimmer ist – oder verschollen. Und dasselbe ist es mit den Menschen, die sie einsetzen. Er weiß, sein eigener Wert rechtfertigt den Einsatz einer Drohne. Der Wert seiner restlichen Einheit offenbar nicht. Er verflucht die anzugtragenden Mathematiker im Headquarter. Das Blut spritzt schwächer auf seinen eigenen Tarnanzug. Er weiß, UNIp ist der Versuch, die letzten irgendwie demokratischen Strukturen zu bewahren. Ein letztes Aufbäumen gegenüber den Konzernen und den Mächten von Die GoldeneLiga. Morjeba reißt sich seinen Helm vom kahlen Kopf, wirft ihn in den Staub. Verdammte Sonne. Sie blendet, trocknet aus und beleuchtet, macht das ganze widerliche Elend um ihn herum sichtbar. Er will es nicht mehr sehen. Er hat genug davon. Hier und jetzt und für alle ewigen verdammten Zeiten. Stille Tränen rinnen Morjebas bärtige Wangen hinab, sickern neben dem Blut in den Staub.

Lautlos prasselt der Regen gegen die Fassade, während Pryms Panzerwagen mit quietschenden Reifen in Richtung Berlin Brandenburg International aufbricht. Heute wird die Sonne über dem Himmel Berlins nicht mehr scheinen.

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