Meine kurzen und langen Geschichten

Auf unterwegs-reiseblog.de stelle ich nicht nur meine Reisen und mehr oder weniger empfehlenswerte (Reise-)Literatur vor, sondern auch das, was ich mir abends bei einem Glas Rotwein ausdenke. Immer wieder werden hier kleine Geschichten, Kurzgeschichten und Ausschnitte aus längeren Geschichten erscheinen.

Nachricht Null

Nachricht Null ist die Geschichte von Samuel Finsterthal. Er hat ein wildes Leben als Widerstandskämpfer hinter sich und macht einen letzten Versuch, etwas zu verändern, während er in einer abgelegenen Berghütte auf seinen Tod wartet.

Direkt zu den einzelnen Teilen von Nachricht Null:
Prolog
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4

November 2039

Wir spielen auf den Feldern hinter dem Dorf. Unser Haus steht in der letzten Reihe von Häusern. Die Straße endet dort irgendwo und führt als rumpliger Feldweg weiter in Richtung des Waldrands. Ich erkenne keine Einzelheiten von hier aus, aber wenn ich will, schaffe ich es, den Weg nach Hause in unter zwei Minuten zu rennen. Nahe des Waldrands steht unsere kleine Hütte. Wir haben sie aus alten Dachlatten meines Vaters gebaut. Kasim steht neben mir. Am Himmel wird es langsam dunkel.

Als ich die Tür hinter mir schließe, wird mir auf der Stelle klar, dass heute Abend kein normaler Abend ist. Kein Geruch nach Essen. Keine Stimmen der Eltern aus der Küche. Der Flur dunkel. Gedämpft höre ich die Geräusche des Screens aus dem Wohnzimmer. Als ich eintrete, springt meine Mutter auf. Samuel, sagt sie… nimmt mich in den Arm. Auf dem Screen sehe ich, wie die Elektronen hochauflösend Leichenteile bilden, auseinanderfliegen. Zum uniformierten Sprecher der News werden. Zu seinem Gesicht. Wie sie hin- und herspringen und die Worte aus seinen blassen Lippen sprudeln lassen. Es ist Krieg. Die Truppen marschieren endlich.

Damals verstehe ich es noch nicht, sehe nur die Bilder auf den Screens, höre die leise gesprochenen Wörter meiner Eltern und ihrer Freunde, wenn sie denken, ich schliefe längst. Ich schleiche mich die Treppe hinunter, lausche ihren Stimmen. Blicke verstohlen um die Ecke herum ins Wohnzimmer, sehe meine Mutter, wie sie ihre Augen mit den Händen verbirgt, sehe meinen Vater, wie er am liebsten das gleiche tun würde, sehe vollautomatische Panzer, die über Baracken hinwegwalzen, sehe die grauen Fensterhöhlen der Ruinen von Moskau, Minsk und Kiew, sehe die glühenden Skelette der Stahlträger. Sehe, wie die Menschen aus Riga und Warschau fliehen. Sehe die liegen gebliebenen Toten. Ich sehe die Verteidigungslinie der EuMECS-Truppen, die in meinen kindlichen Augen irgendwie fantasievoll erscheint. Lange, flache Gräben, strukturlose schwarze Türme in losen Abständen. Rauch, überall Rauch und Berge von Leichen, die ich meistens nur kurz betrachten kann, bevor jemand mir Hände über die Augen legt, mich ins Bett bringt und etwas murmelt von… weit, weit weg, keine Gefahr und alles wird gut. Falsch, nichts wird gut, das wusste ich schon als Knirps. Am Ende sind alle tot und das wars.

Ich bin zwar erst neun Jahre alt, aber wenn die Sprecherinnen auf den Screens beginnen, von der Seuche zu sprechen, dann ist selbst mir klar, dass die Erwachsenen es mit dem Fürchten zu tun bekommen. Auch wenn sie versuchen, das zu verbergen. Vor mir und gegenseitig voreinander. Irgendetwas stimmt nicht mehr mit der Welt. Die Toten stehen wieder auf. Bilder von der anderen Seite der Erde. Zu Füßen des Rakashopi, irgendwo im Karakorum. Aufgeregte Männer rufen durcheinander in die Mikrophone und Kameras. Die Laute der fremden Sprache wirken verzerrt. Sie fuchteln hektisch mit den Armen in Richtung der Wagen, auf denen die Verstorbenen normalerweise abtransportiert werden. Fuchteln in Richtung der leeren Ladeflächen.

Kasim klopft mit dem Hammer meines Vaters wild auf schiefen Nägeln herum. Ich schnitze ausdauernd Holz zur richtigen Form. Wir befestigen unsere Hütte am Waldesrand. Falls die Seuche hierherkommt, wollen wir eine Zuflucht haben. Wir nageln die Fenster zu, verbarrikadieren die Hintertür. Im Abstand von etwa einem Meter zur Hütte rammen wir angespitzte Äste schräg in den Grund. Die Infizierten werden sich selbst daran aufspießen, sollten sie unsrer Zuflucht zu nahe kommen.

Ein Donnern hallt über den blauen Himmel, die Luft bebt. Inzwischen bin ich mit dem Geräusch aufs Engste vertraut. Ich ziehe meinen Anorak zusammen und schließe den groben Reißverschluss. Seit mehr als einem Jahr nun ziehen die OrbitalGuards ihre stillen Bahnen. Mein Vater hat mir ihre Funktionsweise in einfacher Sprache genaustens beschrieben. Vieles wurde vermutet, wenig ist bestätigt, wie bei vielem in dieser kalten Zeit. Die Sprecherinnen haben gesagt, die Anzahl der kritischen Meteoriteneinschläge habe rasant zugenommen. Wieder ein Donnern. Ich sehe hinauf, die Sonne blendet mich. Man kann sie nicht sehen. Ich stelle sie mir als lange metallische Quader vor. Vielleicht so ähnlich, wie vor einem halben Jahrhundert die großen Flugzeugträger aussahen, ich kenne sie aus meinen Comics und von dem Plakat, das mein Vater mir schenkte und das nun an der Wand über meinem Bett hängt. Nur sind die OrbitalGuards größer. Ich weiß, dass sie viele Kilometer lang sind. Es gibt Theorien darüber, dass man uns nicht die Wahrheit gesagt hat. Dass sie uns nicht schützen, sondern uns manipulieren. Aber solche absurden Ideen hat es schon immer gegeben. Himmelstrompeten, Chemtrails und der ganze Illuminatenblödsinn. Mein Vater sagt, das meiste aus den Mündern der Sprecherinnen in den Screens könne man glauben. Kasim vollendet seine Arbeit an einem der Fenster und bewegt sich eines weiter. Er greift in die Tüte mit den Nägeln, das Zunageln des nächsten Fensters vorbereitend. Ich lasse meinen Blick über die Unendlichkeit des Himmels über mir gleiten. Ich bin froh: Wieder hat der OrbitalGuard uns vor einer Katastrophe bewahrt. Wieder kann mein junges Herz unbehelligt weiterpumpern. Doch der Schein trügt. Noch ist es friedlich hier auf den Feldern. Noch zwitschern die Vögelchen munter vor sich hin, noch raschelt der Wind sanft in den Stoppeln der geernteten Äcker. Aber ich weiß, es ist Krieg. Die Truppen marschieren endlich.

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