Meine kurzen und langen Geschichten

Auf unterwegs-reiseblog.de stelle ich nicht nur meine Reisen und mehr oder weniger empfehlenswerte (Reise-)Literatur vor, sondern auch das, was ich mir abends bei einem Glas Rotwein ausdenke. Immer wieder werden hier kleine Geschichten, Kurzgeschichten und Ausschnitte aus längeren Geschichten erscheinen.

Nachricht Null

Nachricht Null ist die Geschichte von Samuel Finsterthal. Er hat ein wildes Leben als Widerstandskämpfer hinter sich und macht einen letzten Versuch, etwas zu verändern, während er in einer abgelegenen Berghütte auf seinen Tod wartet.

Direkt zu den einzelnen Teilen von Nachricht Null:
Prolog
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4

August 2037

Jacek Prym steht auf dem Balkon des Brüsseler Rathauses. Der Regen ist gerade vorbeigezogen. Es ist kalt für August. Kalt dafür, was früher einmal ein August gewesen ist.

Es ist ein wichtiger Tag, hört man aus seinem glattrasierten Gesicht sprechen. Er sieht jugendlich aus. Obwohl er schon über dreißig ist. Irgendwie ist er zu bleich. Es ist ein wichtiger Tag nicht nur für Europa… für die Menschen… für die Erde… Nicht alles ist im Knacken des Mikrofons zu hören. Nebelschleier ziehen tief über den Himmel. Grau, grau, grau. Auf riesigen Screens wird jede Bewegung des Mannes auf dem Grand-Place wiedergegeben. Millionen von Menschen verfolgen dieselben Bilder zuhause auf ihren Screens. Warum spricht aus den Bildern keine Hoffnung. Warum keine Zuversicht. China als große Bedrohung, endlich haben wir etwas entgegenzusetzen. Endlich können wir die Werte des alten Europa verteidigen. PESCO war der Beginn. EuMECS ist der Höhepunkt. Davon spricht Prym hier gerade – unter anderem. Von UNIp weiß er noch nichts. Und auch nicht davon, dass auch UNIp die Entwicklung nicht aufhalten wird können. Die Entwicklung. Wie ich es liebe, solche Phrasen zu jonglieren. Es ist keine Entwicklung. Versteht es doch endlich. Es ist keine Entwicklung, denn wir – du und ich und wir alle – haben es dazu kommen lassen. Es ist gemacht. Kriege brechen nicht aus. Sie werden gemacht.

Prym hebt die Arme. Wie ein Papst steht er über der Menge auf dem Balkon. Es ist ein wichtiger Tag… brauchen Ihre Unterstützung… Ja, die Front rückt näher. Aber dank unserer… Schaffen, schaffen, schaffen, wir werden es schaffen.

Als die Sonne langsam hinter den Fassaden versinkt, liegen nur noch die Fetzen der Wimpel der PES auf dem feuchten Asphalt. In den Rinnsteinen haben sie sich zu weißbunten Krümeln zersetzt. Jeder Mann und jede Frau zwischen 19 und 27 muss damit rechnen, von den neuen Gesetzen betroffen zu sein. § 27(a) Um der Bedrohung durch die imperialistischen Ostblockstaaten entgegenzutreten wird… zum Dienst… an der Waffe… verpflichtet.

Spät am Abend sitzt Jacek Prym allein im weißen Sessel vor den Panoramafenstern der Präsidentensuite des Hotels Ancien Art am Grand-Place. So hat er sich das nicht vorgestellt. Er dreht das Glas Lagavulin langsam zwischen seinen Fingern hin und her. Die dunkelbraune Flüssigkeit bricht sich in den Kristallen. Tief unter ihm die Lichter der Großstadt. Er hätte sich nicht vorstellen können, wie einsam es ist, ein Präsident zu sein. Der erste Präsident. Der erste Präsident eines neugeborenen Staates. Bald Vater eines neugeborenen Kindes. Sein junges Alter ist Teil der neuen EU-Policy. Zwischen den Lichtern sieht er sein Gesicht. Es spiegelt sich in den dicken Scheiben. Wenn man genau hinschaut, bemerkt man, dass er gar nicht mehr so jung aussieht wie in den Streaming-Aufnahmen. Er selbst bemerkt es. Obwohl man in seinen eigenen Augen ja eigentlich niemals, niemals, niemals altert.

Verantwortung. Ein großes Wort. Ist es das, was er nun für das alte Europa hat? 8.000 Kilometer weiter südwestlich fegt ein trockener staubiger Wind über die kahle Ebene. Dort in der Ferne sind die Reste der Wolkenkratzer von Downtown Manhattan zu sehen. Nichts, aber auch gar nichts ist übrig geblieben von den nordamerikanischen Staaten. Ihm liegen hier Informationen vor, die der Mehrheit der Menschen nicht einmal ansatzweise bekannt sind. Dennoch… Ob der völligen Auslöschung nahezu aller Menschen, Tiere und Pflanzen und sämtlicher Infrastruktur eine gezielte Aktion des Ostens vorausging oder ob sie auf einen endgültigen Kollaps der Energiesysteme zurückzuführen ist, weiß nicht einmal er zu sagen, falls das überhaupt jemand weiß. Zwar hat er seine Vermutungen, doch er würde sich hüten, damit etwas anzufangen. Gelegentlich werden aus dem nordamerikanischen Ödland Survivors geborgen, die haarsträubende Berichte abliefern. Offenbar sammeln sich überlebende Banden in Camps enormer Ausmaße. Aufklärungsdrohnen können das bestätigen. Viel Budget wird in die Missionen zur Klärung der Zustände im Ödland nicht mehr gesteckt. Es ist anderswo viel dringender nötig. Von systematischen Misshandlungen, widerwärtigen Machtsystemen und scheußlichen Mutationen ist die Rede, wenn Survivors geborgen werden. Doch das ist dieser Tage nicht Fokus seines Grübelns. Jacek Prym weiß, dass die Nordhälfte des amerikanischen Kontinents verlorenes Land ist, er hat anderes zu tun.

Er schenkt sich nach, weiß nicht, zum wievielten Male. Beim Dinner mit den Ministern hat er schon zu viel Champagner getrunken. Hier oben wurde es mit dem Scotch nicht besser. Sein Blick über Brüssel verschwimmt, wenn er sich nicht konzentriert. Er konzentriert sich. Er ist der Präsident. Er ist ein Mann vieler Sorgen. Und der imperialistische Ostblock ist vielleicht nicht die größte. Er macht sich da nichts vor. Die Meldungen über die Seuche erreichen ihn häufiger als noch vor einigen Monaten. Bisher lässt sich alles gut vertuschen. Bisher könnte man noch die Hoffnung haben, dass es einfach wieder vorbei geht. Viele seiner Berater haben diese Hoffnung anscheinend. Doch Jacek Prym ist kein hoffnungsvoller Mann. Wieder verschwimmt sein Blick in die Dunkelheit über den Dächern von Brüssel. Nein, er ist kein hoffnungsvoller Mann und diese Zeit ist keine hoffnungsvolle Zeit.

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