Meine kurzen und langen Geschichten

Auf unterwegs-reiseblog.de stelle ich nicht nur meine Reisen und mehr oder weniger empfehlenswerte (Reise-)Literatur vor, sondern auch das, was ich mir abends bei einem Glas Rotwein ausdenke. Immer wieder werden hier kleine Geschichten, Kurzgeschichten und Ausschnitte aus längeren Geschichten erscheinen.

Nachricht Null

Nachricht Null ist die Geschichte von Samuel Finsterthal. Er hat ein wildes Leben als Widerstandskämpfer hinter sich und macht einen letzten Versuch, etwas zu verändern, während er in einer abgelegenen Berghütte auf seinen Tod wartet.

Direkt zu den einzelnen Teilen von Nachricht Null:

Prolog

Prolog

Mein Name ist Samuel und dass ich dir diese Nachricht schreibe, ist das letzte, was ich in meinem schwindenden Leben mache. Mein Name ist Samuel und ich sitze hier oben an den Hängen des dunklen Gebirges in meiner Hütte und schreibe eine Nachricht, die dich vielleicht niemals erreichen wird. Ich nenne sie Nachricht Null, denn es gibt nichts mehr zu tun. Die Nacht zieht langsam über die Grate und taucht alle Felsen und Schluchten um die weite Alm herum in ihre trübselige Finsternis. Die wüsten Gestalten werden bald ihre Höhlen und Gruben verlassen, um die wenigen Verbliebenen wieder und wieder heimzusuchen. Und inzwischen weiß ich, es gibt auch noch Schlimmeres.

Draußen am Himmel ziehen vereinzelt Vögel vorbei. Ich weiß nicht, vielleicht ziehen sie schon nach Süden – in der Hoffnung, dort etwas Besseres als hier zu finden. Ein Vögelchen muss nicht viel denken. Ein Vögelchen darf Hoffnung haben. Schimmernd hängt der Dunst über dem Abgrund, es wird allmählich kühl hier drinnen, hinter den dünnen Scheiben aus mit sprödem Moos bewachsenen Glas. Es wird allmählich kühl hier drinnen, Holz für ein Feuer habe ich keines mehr. Ich zünde eine zweite Kerze an mit dem abgegriffenen Benzinfeuerzeug. Und wenn das Ding schon einmal brennt, auch gleich noch eine weitere Zigarette. Es fröstelt mich, bald werde ich mir im anderen Zimmer den Mantel holen und weiterschreiben. Weiterschreiben, bis mir der dünne Bleistift aus meinen schmerzenden Fingern fällt und ich in mir zusammensinke. Falls es den Gestalten der Nacht nicht eher gelingt, meine Barrikaden in den unteren beiden Stockwerken einzureißen und mich mit ihren langen knöchernen Armen aus meiner Schreibstube zu schleifen, um wer weiß was mit mir anzufangen.

Mein Name ist Samuel Finsterthal und ich schreibe dir diese Botschaft in der schwachen Zuversicht, dass meine Worte ihren Weg finden werden. Dass sie in deinen Ohren aufmerksame Zuhörerinnen finden. Dass sie in deinem Verstand auf einen tugendhaften Scharfsinn stoßen werden, dem es gelingen kann, die richtigen Entscheidungen zu finden. Meine Kraft ist zu ihrem kläglichen Schatten geschrumpft, doch ich habe die ganzen Jahre über nicht aufgegeben, sonst hätte ich es bis hierhin niemals geschafft, drum gebe ich auch heute Abend nicht auf. Ich weiß nicht genau, wie ich mich fühle jetzt, wo es zu Ende geht. Ich befinde mich außerhalb des Raumes und außerhalb der Zeit, die vergangen ist, bis ich schließlich hier war, wo ich jetzt bin. In dieser Hütte in einem wilden Gebirge an den äußeren Grenzen der Westödnis. Vor langer Zeit, als ich noch ein neugieriger kleiner Knirps war und das Gesetz der Europäischen Union – stolz geeint und mit strahlenden Fahnen – hier oben galt, gingen die Menschen auf den schmalen Pfaden neben der Hütte und über holpriges Geröll zu ihrem Freizeitvergnügen wandern. Auf so eine Idee würde heute niemand mehr kommen. Heute ist hier oben alles tot, tot, tot und das ist der Grund dafür, warum ich mich in diese Hütte zurückgezogen habe. Ich weiß nicht, wie ich mich fühle, habe im Großen und Ganzen nichts erreicht.

Ich sitze hier mit meinem kürzer werdenden Bleistift und schreibe auf das zerfledderte Papier meine Botschaft. Eine Botschaft, die alles verändern soll.

Ich habe keine Häuser gebaut, ich habe keine Kinder gezeugt, ich habe keine Dinge gesammelt, keine Reichtümer erschaffen. Ich war ein Junge, ein Mann, bin ein Niemand. Ich habe keine Bäume gepflanzt und vor meinen Türen stehen keine glänzenden Wagen, hängen keine leuchtenden Schilder und auch keine schönen Damen warten auf mich mit in der Luft wehendem Haar. Ich sitze allein hier in meiner Stube im zweiten Stockwerk der windschiefen Hütte und bin ein Niemand und schreibe und schreibe und schreibe, bis ich nicht mehr kann. Und doch kann ich sagen, ich bin rechtschaffen geblieben und habe versucht, was möglich war, gegen den Teufel auszurichten. Ich habe gelebt, wild und frei, auch wenn nichts dabei herauskam. Und das ist das Gute. Deshalb wird ein Lächeln mit meinen ausgetrockneten Lippen spielen, wenn meine Knochen zerbrechen und der Hauch des Lebens aus meinem Kadaver entweicht. Wenn dich meine Nachricht erreichen sollte, liegt es in deinen Händen, etwas damit anzufangen. Ich sitze hier, während um mich herum die Welt im Dunkel verschwindet und diktiere meine Worte mit meinen Fingern und dem krächzenden alten Stift dem zerfledderten Notizbuch, das ich nachher im Panzerschrank sicher fortschließen werde. Mögest du zur richtigen Zeit und an der richtigen Stelle suchen und finden, um meine Botschaft zu empfangen, um meine Nachricht zu hören.

Bald darauf stehe ich auf. Wanke. Gehe die paar Schritte zur Luke im Boden. Ich werfe einen Blick hinunter. Die wacklige Holzleiter lehnt an ihrem Platz. Das letzte Licht des Tages kriecht durch die Löcher in der Wand und durch die Lücken meiner Barrikaden. Wüsste ich es nicht besser, würde ich denken, unten wäre kein Leben. Kein Geräusch ist zu hören. Kein Atemzug, kein Scharren mit den hufartigen Füßen. Doch ich weiß es besser. Ich weiß es besser und nehme den rostigen Schürhaken von der Wand. Ich habe ihn mit hier heraufgenommen, unten am Ofen ist er zu nichts mehr zu gebrauchen. Das letzte Holz: vor Wochen verbrannt. Hätte ich gewusst, dass ich noch so lange lebe, hätte ich es mir aufgespart. Ich habe ihn mit hier heraufgenommen, um das spärliche Arsenal meiner Waffen zu bereichern. Ich warte zwei drei Sekunden, nur um sicherzugehen, dass ich nichts höre. Dann schlage ich mit aller Kraft den Schürhaken gegen das splitternde Holz des Fußbodens. Da höre ich, wie es versucht, sich loszureißen. Ich bin nur so mutig, es zu reizen, weil ich mir sicher bin, dass seine Fesseln halten. Es ist nicht das erste Mal, dass ich Glieder und Hälse verschnüre. Das wüste Scharren und Klopfen von unten lässt langsam nach. Lässt nach, bis ich den Schürhaken abermals aufs Holz krachen lasse. Ein wenig vorgebeugt, kann ich es sehen, ich sehe es, mir fröstelt wieder, eine kalte Welle läuft mir über die Haut und die Arme hinauf und dann das breite Rückgrat hinunter.

Jeder Schritt knarrt auf den uralten Dielen des Bodens, als ich zum andern Zimmer gehe. Ich nehme den Mantel vom Haken, nehme ihn und ziehe ihn mir über. Den Schürhaken stelle ich an sein Plätzchen an der Wand. Dann gehe ich zurück zum Schreibtisch, ohne die Kerze würde ich nun nicht mehr viel sehen. Draußen fällt das fahle Scheinen der kalten Sonne über die Landschaft. So fühlt es sich also nun an, wenn das Licht das letzte Mal schwindet. Früher habe ich oft das Grauen des nahenden Tages verflucht. Heute bleibt mir nur, das Ende zu verfluchen. Pass auf dich auf, liebe Sonne, pass auf dich auf, freundlicher Tag! Ich gehe nun meinen Weg durch die Nacht. Dorthin, wo Ihr niemals sein werdet. Pass auf dich auf, schöne Welt. Ich schreibe die Sätze zu Ende, die dich erreichen sollen. Nimm dich in Acht. Nimm dich in Acht vor der Dunkelheit. Sie kommt schneller, als du denkst. Auf Wiedersehen, liebe Sonne, lieber Tag, passt auf euch auf.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.