Die Stadt Gjirokastra liegt im Süden von Albanien und hat knapp 20.000 Einwohner*innen. Ismail Kadare, der weltberühmte albanische Schriftsteller, selbst in Gjirokastra aufgewachsen, beschreibt sie im ersten Satz eines seiner Romane als seltsam, als ein vorzeitliches Wesen, das plötzlich im Tal aufgetaucht ist. Mein Reiseführer (Affiliate-Link – was bedeutet das?) beschreibt sie als erstaunlich. Und tatsächlich spürt man, wenn man das erste Mal die steile Straße in die düstere Altstadt von Gjirokastra hinauffährt, dass man hier an einem sehr eigenwilligen Ort gelandet ist.

Zu Fuß durch die erstaunliche Stadt

Schon von weitem sehe ich Gjirokastra an den steilen Hängen des Mali i Gjerë liegen, einem Gebirge, das sich auf fast 2.000 Meter erhebt. Vom breiten Tal des Flusses Drino klettern die steinernen Häuser mehrere Hundert Höhenmeter das Gebirge hinauf. Ich fahre die Straße den Fluss entlang nach Süden. Von Tepelena aus komme ich, einen Sturm im Rücken. Eigentlich hätte ich mir in Tepelena eine neue Birne für das rechte Vorderlicht kaufen sollen. Das habe ich jedenfalls den Polizisten gesagt, die mich eine halbe Stunde zuvor angehalten haben. Ich werde sie morgen in Gjirokastra kaufen. Ich nehme es mir fest vor, die Polizei war freundlich zu mir und ich möchte mein Wort zumindest etwas verspätet halten.

Das Tal des Drino ist wunderschön. Wild schlängelt sich sein Lauf durch urtümliche Bäume und Felsen. Überhaupt, hier im Süden von Albanien, in den einsamen Weiten der Landschaft, gefällt es mir sehr gut. Und dann wird es spannend. Denn ich muss nach oben, ganz nach oben in die Altstadt von Gjirokastra. Und das ist nicht so einfach, merke ich schnell. Eine so steile Straße fahre ich nicht oft. Nur an wenigen Stellen passen zwei Fahrzeuge nebeneinander vorbei. Meine Handbremse funktioniert nicht richtig, ich darf sie nicht anziehen, hoffentlich kommt nicht genau jetzt etwas entgegen.

Gjirokastra in Albanien

Gjirokastra in Albanien

Stadt der tausend Stufen

Gjirokastra blickt auf eine aufregende Geschichte zurück. Besonders im zweiten Weltkrieg unter den Besatzermächten. Italiener, Griechen und Deutsche wechselten sich in schneller Folge ab, die Menschen hier zu unterdrücken. Einen Eindruck dieser Zeit bekommt man beim Lesen des Buches Chronik in Stein von Ismail Kadare (Affiliate-Link – was bedeutet das?). Er schildert die Zeit, in der er als Junge während der Zeit der Besatzung den Bau eines Flughafens und die Bombardements der Engländer miterlebt. Er beschreibt die Bewohner*innen und das soziale Leben in Gjirokastra. Wandert man heute durch die engen Gassen zwischen den abweisenden steinernen Häusern, ergreift eine*n die gleiche beklemmende Atmosphäre, die einen auch beim Lesen erfasst. Nach dem Flughafen zu fragen versäume ich leider.

Die Dächer sind mit flachen Steinen gedeckt, die Fenster schmal und in die Höhe gezogen. Ähnlich den Schießscharten mittelalterlicher Burgen. In der Altstadt von Gjirokastra lassen sich viele der alten traditionellen albanischen Häuser finden. Und wahrhaftig, die aneinandergebauten Häuser wirken wie der Panzer einer riesigen Schildkröte. Wie das vorzeitliche Wesen, das Ismail Kadare in Gjirokastra gefunden hat. Er schreibt, wenn man ausrutsche, so lande man nicht auf dem Boden, sondern auf dem Dach des nächsten Hauses. So steil ist die Stadt. Gjirokastra macht dem Namen Stadt der tausend Stufen also alle Ehre. Kein Weg ist hier eben, hoch und runter geht es. Um enge Ecken und spitze Kanten. Die Steine sind dunkel und bedrohlich.

Ohne Zwischenfall erreiche ich das Hotel Kalemi. Wunderbar, es liegt weit oben über den Häusern der inneren Altstadt. Von den Fenstern und dem Balkon reicht der Blick weit über das Tal und die Unterstadt von Gjirokastra. Ein privater, ebener Parkplatz löst auch mein Handbremsen-Problem. Die Zimmer sind in den traditionellen Räumlichkeiten untergebracht, herrlich eingerichtet, das Frühstück kann im ruhigen Garten genossen werden. Alles klar, dieses Hotel kann ich auf jeden Fall empfehlen: Hotel Kalemi in Gjirokastra (Affiliate-Link – was bedeutet das?)

Das Zentrum der Altstadt ist verwunschen, es kommt mir vor, als befände ich mich in einer anderen Zeit, in einer anderen Welt. In der Bar neben der Moschee trinken ein paar Männer Raki. Sie winken mich herein, ich lehne ab, will noch durch die Straßen wandern. In einer verlassenen Gasse führt ein Weg durch ein Haus hindurch. Schwer zu finden, führt er zu einem Monument. Toll ist die Aussicht von hier, die Stadt breitet sich unter mir aus, eine gigantische Heuschrecke stakst durch die Hecke am Rande des kleinen Platzes.

Gjirokastra in Albanien

Da der Durchgang zu dem Monument nicht ganz einfach zu finden ist, hier eine kleine Markierung: Weg zum Aussichtspunkt

Unter einer riesigen orientalischen Platane sitze ich später in einem Restaurant. Die Luft ist noch warm. Es ist dunkel, viele der Häuser hier im Zentrum stehen leer, keine Lichter leuchten in den verstaubten und zersplitterten Fensterscheiben. Ob sich das in den nächsten Jahren ändern wird? Wird man sich hier in ein paar Jahren vor Touristen aus der ganzen Welt nicht mehr retten können? Heute Abend bin ich fast der einzige Gast hier. Es ist Ende September, nur an einem Tisch sind zwei ältere Männer, die Bier trinken. Vielleicht sind die Folgen der Enver-Hoxha-Diktatur noch zu deutlich zu spüren.

Nicht nur Ismail Kadare wurde in Gjirokastra geboren. Auch der Diktator der Sozialistischen Volksrepublik Albanien stammt aus Gjirokastra. In seinem Haus ist heute das ethnographische Museum untergebracht. Auch das Haus Ismail Kadares wird gerade zu einem Kulturgut restauriert. Aber selbst von den herrlichsten traditionellen Häusern scheinen zahlreiche verlassen. An anderer Stelle zeugen nur noch Ruinen von ihrer Existenz.

Gjirokastra in Albanien

Gjirokastra in Albanien

Gjirokastra in Albanien

Gjirokastra in Albanien

Die alte Festung über der Stadt

Auf einem hohen Fels am Rande der Altstadt steht die Festung von Gjirokastra. Für ein kleines Eintrittsgeld kann sie besichtigt werden. Für ein weiteres kleines Eintrittsgeld kann zusätzlich im Innern der Festung noch ein Waffenmuseum betreten werden. Auch in den Korridoren stehen schwere Waffen aus den Kriegen und draußen auf einem Platz ein ganzes Flugzeug. Das Flugzeug soll ein nach dem zweiten Weltkrieg abgeschossenes US-amerikanisches Spionageflugzeug sein. Die Aussicht über Gjirokastra und die umliegenden Berge ist toll.

Gjirokastra in Albanien

Gjirokastra in Albanien

Das Aquädukt von Gjirokastra

Vor der Burg erblicke ich einen Wegweiser, der in Richtung der Berge zeigt. Aquädukt steht darauf geschrieben, das klingt spannend, ich mache mich auf den Weg. Der Weg geht hoch hinauf, schnell weiß ich nicht mehr, ob ich noch richtig bin. Doch so lange es hoch geht, bin ich richtig, denke ich. Wasser kann ja schließlich nur nach unten fließen. Die Festung wird kleiner und kleiner, verschwindet schließlich ganz aus meinem Blickfeld. Streunende Katzen, Esel und Pferde begegnen mir. Ein als Superman verkleideter Bub zeigt auf seine glitzernde Mütze und lacht.

Der Weg führt an den letzten kleinen Häusern vorbei aus der Stadt heraus, entlang des Hanges, ein Hund bellt wütend aus einer Ruine heraus. Ein Stück weiter komme ich zurück in die Stadt, am Straßenrand sitzen zwei Kinder und ihr großer Bruder. Sie fragen, ob ich das Aquädukt suche. Glücklich, auf dem richtigen Weg zu sein, führen sie mich die letzten Meter.

Und dort steht tatsächlich ein weiterer Wegweiser: Ali Paschas Aquädukt. Ohne die Kinder hätte ich den Weg nie im Leben gefunden. Er führt nun über eine Müllhalde in ein karges Tal hinein, wo ich an einer engen Stelle einen Teil des Aquädukts finde.

Ali Pascha war ein osmanischer Herrscher, der Teile von Albanien und Griechenland beherrschte. Um 1820 ließ er zur Versorgung Gjirokastras mit Wasser ein Aquädukt bauen. Ein Teil davon lässt sich noch heute in den Bergen über der Stadt bewundern. Und hier stehe ich nun. Die beiden Kinder spielen mit dem Müll, lassen Glühbirnen zerspringen und werfen CDs und die Deckel von Farbeimern als Frisbees ins Tal hinein.

Damit die Suche einfacher wird, hier befindet sich das Aquädukt von Ali Pascha in Gjirokastra.

Gjirokastra in Albanien

Das Umland von Gjirokastra

In der Umgebung von Gjirokastra befinden sich viele schöne Stellen. Am besten ist es natürlich, man ist mit dem Auto unterwegs. Schnell werden auch hier Straßen allerdings so schwierig befahrbar, dass ein geländegängiges Fahrzeug sinnvoll sein kann. Doch auch mit einem normalen Auto lässt sich viel entdecken.

Eine etwas skurrile Geschichte ist die der kleinen Stadt Lazarat. Lazarat liegt nur wenige Kilometer südlich von Gjirokastra und war oder ist eines der Zentren des albanischen Cannabisanbaus. Ohnehin ein großes Problem in Albanien, war die Situation hier besonders brisant und ist es möglicherweise weiterhin. Bis ins Jahr 2014 Stand das Gebiet nicht unter Kontrolle der albanischen Polizei, da Banden die Zugänge zur Stadt kontrollierten, um in Ruhe ihren illegalen Geschäften nachgehen zu können. Erst 2014 stürmten albanische und italienische Spezialeinheiten Lazarat. Die Einwohner und die Cannabis-Leute wehrten sich angeblich mit schweren Waffen. An mehreren Stellen lese ich, dass es nicht empfehlenswert sei, nach Lazarat zu fahren. Ich mache es trotzdem, kann das Risiko jedoch absolut nicht einschätzen und will es hier niemandem empfehlen. Das Zentrum liegt ein paar Kilometer abseits der Hauptstraße und alles wirkt jedenfalls ganz normal. Die Menschen sitzen in Cafés, die Kinder spielen auf dem Schulhof, ich fahre weiter.

Fahrt nach Përmet, Petran und Benjë

Ohne Risiko kann man zum Beispiel nach Përmet, Petran und zu den Thermalquellen von Benjë fahren. Die Fahrt durch das Tal parallel zum Drinotal ist großartig. Es geht immer tiefer hinein in die wilde Berglandschaft Albaniens. Bald schon begegnet man nicht mehr vielen Menschen und die weiten Hänge der Berge werden einsamer.

Die Thermalquellen von Benjë finde ich verhältnismäßig unspektakulär. Ein paar Einheimische liegen im warmen Wasser, über den Fluss spannt sich eine Brücke aus dem 17. Jahrhundert. Was mir hier aber gut gefällt, ist die Schlucht, die direkt hinter der Brücke beginnt. Ich gehe hinein, immer weiter. An einem Becken messen zwei Männer irgendwas im Wasser. Ich gehe zu ihnen und frage, was sie da machen.

Oberhalb der Schlucht befindet sich ein Stausee mit einem Wassserkraftwerk. Die Qualität des Wassers wird regelmäßig von den Betreibern überwacht. Das ist es, was die beiden hier machen. Proben nehmen. Zur Überwachung – damit die Wasserqualität durch den gewaltigen Eingriff in die Natur nicht belastet wird. Sie erzählen mir, dass das Wasser von guter Qualität sei, dass es keine großen Veränderungen gebe, dass nur ein kleiner Teil der Gesamtmenge an Wasser des Flusses umgeleitet werde. Sie erzählen mir auch, dass ich zu anderer Jahreszeit hier unmöglich herumlaufen könne. Zehnmal so viel Wasser würde zwischen den Felsen herunterstürzen, ein Wandern hier verhindern. Sie deuten auf ein Messgerät, damit ich nicht versehentlich darauftrete. Wir verabschieden uns. Dann gehe ich weiter in die Schlucht hinein.

Als es zu eng wird, muss ich meine Schuhe ausziehen, es gibt kein Ufer mehr zwischen Wasser und den steilen Felswänden. Tief versinke ich im Schlamm und freue mich über die imposanten Felsformationen über und neben mir. Als ich zurückkehre, sind die beiden Männer verschwunden. Die Sonne sinkt langsam hinter die Berge, leuchtet in der dunstigen Luft.

Gjirokastra in Albanien

Gjirokastra in Albanien

Gjirokastra in Albanien

Gjirokastra in Albanien

Gjirokastra in Albanien

Von Gjirokastra nach Syri i Kaltër

Etwa eine Stunde mit dem Auto entfernt von Gjirokastra befindet sich die Quelle Syri i Kaltër, auch Blue Eye genannt. Das Blue Eye ist eine Quelle, aus der sehr viel Wasser kommt. Das aus dem Blue Eye strömende Wasser leuchtet richtig eindrucksvoll blau und grün und versöhnt mich damit, dass ich hier bin, obwohl ich so beliebte Touristenziele gerne vermeide. Als ich die Piste zur Straße zurück fahre, krabbelt eine kleine Schildkröte über den Weg. Ich halte an und bewundere sie ein wenig, bekomme Angst, dass sie überfahren wird und setze sie in die Wiese auf der anderen Seite der Piste. Hoffentlich war das wirklich das Ziel, zu dem sie wollte.

Die neue Birne für mein Vorderlicht finde ich übrigens schließlich in einem Laden für Autobedarf. Er liegt in der Unterstadt von Gjirokastra. Erst erschrecke ich, als ich den Preis sehe. Doch dann löst sich das Missverständnis schnell auf. Vor ungefähr 50 Jahren wurde die albanische Währung Lek um den Faktor 10 aufgewertet. Manchmal werden aber noch die alten Preise angegeben. So kostet die Birne nur 3,50€ und nicht 35€. Weil ich so erschrocken bin, schenkt mir der Verkäufer einen Wunderbaum.

Gjirokastra in Albanien

Praktische Ratschläge

Übernachten in Gjirokastra

Uneingeschränkt empfehlen kann ich in Gjirokastra das Hotel Kalemi (Affiliate-Link – was bedeutet das?). Perfekt gelegen, wunderschöne Zimmer und ein gutes Frühstück.

Wenn es etwas preiswerter sein soll: Mehrere Personen, mit denen ich gesprochen habe, wohnten im Stone City Hostel (Affiliate-Link – was bedeutet das?) und sagten, es sei eines der besten Hostels, in denen sie jemals waren. Der Inhaber, ein niederländischer Auswanderer, kenne sich außerdem in Albanien sehr gut aus und hätte stets wertvolle Tipps.

Essen und trinken in Gjirokastra

Eine schöne Terrasse mit Aussicht über die Stadt hat das Restaurant Taverna Kuka. Das Essen ist in Ordnung aber kommen sollte man vor allem wegen der Terrasse.

Richtig gutes Essen auf dem Platz unter der wunderschönen orientalischen Platane findet man im Restaurant Rapi. Hier findet man traditionelles Essen, das super schmeckt. Vegetarisch ist gar kein Problem. Besonders empfehlen kann ich Qifqi und Qahi. Und natürlich den Raki. Raki schmeckt in Albanien eher wie das, was wir hier als Grappa kennen und nicht wie der türkische Raki.

Beste Biere übrigens Birra Elbar und Birra Korça. Birra Tirana: so lala.

Ganz toll schmeckt auch das vegetarische Moussaka im traditionellen Restaurant Odaja. Ich hatte das Glück, am einzigen Tisch auf dem kleinen Balkon sitzen zu dürfen. Ein herrlicher Abend über der zentralen Kreuzung von Gjirokastra.

Guten Byrek gibt es in der Bäckerei hier.

Literaturtipps

Albanien-Reiseführer

Wie schon erwähnt, war ich insgesamt sehr zufrieden mit dem folgenden Reiseführer und kann ihn empfehlen: Albanien vom Trescher Verlag (Affiliate-Link – was bedeutet das?)

Freunde, die ich unterwegs traf, haben den folgenden Reiseführer verwendet und meinten ebenfalls, dass damit alles in Ordnung sei: Reise Know-How Albanien (Affiliate-Link – was bedeutet das?)

Romane mit Bezug zu Gjirokastra

Der Roman Chronik in Stein von Ismail Kadare (Affiliate-Link – was bedeutet das?) erzählt atmosphärisch von der Stimmung in Gjirokastra während der Besatzung im zweiten Weltkrieg. Auch andere Bücher von Ismail Kadare spielen in Albanien und beschäftigen sich mit der Geschichte und den Traditionen des Landes.

One thought

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.