Meine kurzen und langen Geschichten

Auf unterwegs-reiseblog.de stelle ich nicht nur meine Reisen und mehr oder weniger empfehlenswerte (Reise-)Literatur vor, sondern auch das, was ich mir abends bei einem Glas Rotwein ausdenke. Immer wieder werden hier kleine Geschichten, Kurzgeschichten und Ausschnitte aus längeren Geschichten erscheinen.

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Die Warnung ist die Geschichte von einem Mann, der auf einer Insel im Atlantik strandet. Seltsames passiert, während er auf seine Rettung wartet.

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Teil 1 – Abschied

Teil 1 – Abschied

Die Zeichen standen auf Unheil. Ich habe versäumt, sie richtig zu deuten. Heute weiß ich mehr. Bis heute ist viel Zeit vergangen. Juni 2017, am Flughafen habe ich einen Bourbon mit Coke getrunken. Ich erinnere mich äußerst genau daran. Durch die Panoramafenster war das Flimmern über dem Flugfeld zu sehen. Dunstig verschwammen die tropischen Hügel in der Ferne. Asphalt soweit das Auge reichte. Durstig spülte ich mit der Flüssigkeit die Wehmut des Abschieds herunter. Die Hitze des späten Nachmittags war dort im maschinell heruntergekühlten Innern des Flughafens nur noch der klebrige Film auf meiner Haut. Hinter mir lagen anstrengende Tage. Meinen Anzug hatte ich zugunsten leichter Chinos und eines tief ausgeschnittenen T-Shirts in mein Gepäck gepackt.

Wann wo was aus dem Ruder gelaufen ist, vermag ich nicht zu sagen. Irgendwas hatte in der drückenden Luft gelegen. Flug AB2-83 nach Stuttgart bitte zu Ausgang 27. Keine weiteren Bourbons mit Coke. Zahlen bleiben mir gut im Gedächtnis. Ich stellte mir vor, wer meine Begleiter in den Tod sein würden, hätte das Flugzeug abstürzen sollen. Irgendwie fiel es mir leichter, wenn ich jemanden entdeckte, den ich schön fand. Ich ahnte nicht, welche Wirklichkeit meine Gedanken bald haben sollten.

Den stinkenden schwitzenden Kerl auf dem Sitz neben mir hasste ich vom Moment an, in dem er sich neben mir in die Polster fallen ließ. Ich weiß genau, was diese Art Mann in dieser Art Land macht und ich hasse es. Schmierige Geschäfte und billige Nutten. Er lächelte mir zu. Meinte wohl, wir wären irgendwie verbunden. Weil wir Männer sind? Wenn es das ist, was Männer ausmacht, dann will ich keiner mehr sein.

Draußen schob sich langsam die Umgebung am rollenden Flugzeug vorbei. Palmen hinter Maschendrahtzaun mit Stacheldrahtkrone. In den scharfen Spitzen hatten sich Müll und unglückliches Vogelgetier verfangen. Die Beschleunigung drückte mich in den Sitz. Als wir die Wolken durchbrachen, wackelte die Maschine heftig hin und her. Ich bestellte Bourbon mit Coke, versuchte den schwitzenden Kerl nicht zu berühren und las Thomas Bernhard.

Draußen fiel die Dämmerung über die Welt herab wie ein Stein in tiefes Wasser. Das Rauschen der Klimaanlage und das gedämpfte Licht der Kabine erleichterten mir das Einschlafen. Was später vor sich ging, ist schwer zu begreifen. Vermutlich habe ich es irgendwie verkraftet, weil ich zu dem Zeitpunkt, als ich erwachte und die unerfreulichen Umstände begriff, unter denen der Rest meiner Reise nun wohl stattfinden würde, schon ziemlich einen sitzen hatte.

Jedenfalls war das erste, was ich bemerkte, nachdem ich wieder zu mir kam, dass es still war. Viel stiller, als ich gedacht hätte. Irgendwie hatte ich mir immer vorgestellt, dass ein ohrenbetäubender Lärm herrschen müsste, wenn man als Schiffbrüchiger zwischen den meterhohen Wellen herumtreibt. Das war also nicht so. Nun ja, ich war strenggenommen ja auch kein Schiffbrüchiger sondern ein Flugzeugbrüchiger. Ich weiß noch, dass ich in der fürchterlichen Nacht dachte, was für eine Grausamkeit des Schicksals oder wie man es auch immer nennen möchte, dass ich nun ausgerechnet ertrinken würde. Ertrinken, zum Teufel. Der einzige Tod, den ich mir wirklich nicht gewünscht hätte. Alles war besser als zu ertrinken. Minutenlang unter Wasser, nicht zu wissen, wo oben und unten ist. Mit der Gewissheit darüber, was passieren würde. Dieses widerliche Gefühl im Brustkorb. Das so fürchterlich wurde, dass man es irgendwann nicht mehr aushielt und einfach einatmete. Einatmete auch wenn das, was in die Lungen strömte, keine erlösende Luft sondern das innerhalb von langsamen Sekunden todbringende Wasser des stürmischen Atlantiks war.

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